Bärnergeischt – oder kann Lützelflüh der Bernische «Panthéon» werden?

Der Grosse Rat des Kantons Bern hat zur Erinnerung an den 200-jährigen Geburtstag von Jeremias Gotthelf die Finanzierung einer Gotthelf-Gedenkstätte im Pfarrhaus Lützelflüh beschlossen, Ort seines Wirkens als Pfarrer und Dichter. Gotthelfs Botschaft in seinem Dichterwerk ist auf die Zukunft gerichtet, zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit der Freiheit, als im 19-ten Jahrhundert nach der französischen Revolution bei uns überfällige Fesseln der Freiheit gefallen waren. In seinem Wirken als Pfarrer in Lützelflüh erkannte er, wie durch den Umsturz auch gute alte Sitten von Treue und Ehrlichkeit ins Wanken gerieten. Er geisselt in seinem Roman «Zeitgeist und Bernergeist» die Zügellosigkeit, die mit neuen Gewohnheiten Einzug gehalten hat. Gotthelf legt seinem Werk die Botschaft zu Grunde, dass sich der Glaube an das Gute im Menschen über Bosheit und Niedertracht auf die Dauer durchsetzt.

Gotthelf hat mit seinem Werk den geistigen Boden gelegt. Ein anderer bedeutender «Bärnergeischt» jener Epoche war Carl Schenk von Signau, er hat viel von Gotthelfs geistiger Vision im 19-ten Jahrhundert in die Tat umgesetzt. Carl Schenk wurde 20 Jahre nach Gotthelf geboren, wirkte zuerst in Schüpfen als Pfarrer, mit derselben weltanschaulichen Grundlage und festem Glauben wie Gotthelf. Carl Schenk wurde schon sehr jung aus dem Pfarramt in die praktische Politik berufen und konnte Gedanken Gotthelfs in der Realität des Alltags konkretisieren. Carl Schenk hat das bernische und eidgenössische Leben des 19-ten Jahrhunderts stark geprägt. Als Regierungsrat brachte er fundamentale Ordnung in das jahrzehntelang ungelöste Armenwesen im Kanton Bern. Danach hat er während 32 Jahren als Bundesrat den Aufbau des jungen Bundesstaates im Eisenbahnwesen und der Aussenpolitik massgebend mitgeformt, er hatte die längste Amtsdauer, die je ein Bundesrat erreichte. Neben vielen Erfolgen blieben ihm auch bittere Enttäuschungen nicht erspart. Stets war er vom «Bärnergeischt», dem Dienst an den Menschen und der Heimat beseelt.

Ein weiterer bedeutender Schriftsteller der bernischen Kultur ist Rudolf von Tavel, verankert im Geistesleben von Stadt und Republik Bern. Er hat zu Beginn des 20-ten Jahrhunderts den «Bärnergeischt» in den Mittelpunkt seines Werkes gestellt. Sein Blick ist ganz auf die Vergangenheit gerichtet. Er schildert das Wirken der Menschen mit ihrem aufopfernden Einsatz für die Gemeinschaft, in der langen Folge von Generationen. In prachtvollem Berndeutsch beschreibt er den Alltag und die Hingabe der Menschen, welche aus der kleinen Zähringerstadt mit der Losung «Stadtluft macht frei» die bedeutende europäische Stadtrepublik errichtet haben. Diese grossartige schriftstellerische Leistung Rudolf von Tavels droht nur noch einem kleinen Kreis zugänglich zu sein und damit Berns kulturelle Leistung, seine Geschichte und geistige Kraft in Vergessenheit zu geraten. Es fällt der jungen Generation das Lesen der alten Druckschrift beschwerlich, die Lektüre der berndeutschen Sprache ist nicht allgemein leicht verständlich. Die Gewohnheiten verflossener Generationen sind für die Gesellschaft der Gegenwart kaum mehr nachvollziehbar. Seit einigen Jahren ist eine Gesellschaft in Bern aktiv tätig, um das Werk von Rudolf von Tavel zu pflegen.

Diese drei Gestalten Jeremias Gotthelf, Carl Schenk, Rudolf von Tavel, mit dem «Bärnergeischt» im Mittelpunkt ihres Wirkens, können mit einer langen Liste von Namen wie Simon Gfeller, den Bundesräten Scheurer, Minger und anderen verlängert werden, ihnen allen kommt eine Vorbildfunktion zu, die aber in der Mitteilungsflut un-serer Gegenwart in Vergessenheit zu geraten droht. Möge das Gotthelfzentrum in Lützelflüh zu einem kulturellen Mittelpunkt für Bern mit einem Inhalt werden, der über die Gestalt von Gotthelf hinaus eine bleibende kulturelle Einrichtung mit einer klaren Führung wird – und nicht nur als Touristenzentrum dienen.

Errichtung eines Gotthelf-Zentrums im Pfarrhaus
Lützelflüh – Kreditbeschlüsse des Grossen Rats des Kantons Bern
Zum Gedenkjahr des 150-ten Geburtsjahres von Gotthelf 2004 hat der Grosse Rat des Kantons Bern im Jahr 2005 einen Beitrag von 6.5 Millionen Franken aus dem Lotterie-fonds beschlossen. Davon waren 6 Millionen zweckgebunden für eine neue, historisch-kritische Gesamtausgabe des literarischen Werks von Gotthelf bestimmt. Der Rest war für Vorbereitungen zu einem Gotthelf-Zentrum und administrative Vorarbeiten frei gegeben, mit der Bedingung, eine Gotthelf-Stiftung zu gründen. Diese sollte das Pfarrhaus in Lützelflüh erwerben, wo Gotthelf von 1832 bis zum seinem Tod 1854 als Pfarrer Albert Bitzius und Dichter gewirkt hat. Die Gotthelf-Stiftung wurde 2006 gegründet, damit war die Voraussetzung erfüllt, dass der Grosse Rat im November 2010 einen weiteren Beitrag aus dem Lotteriefonds von 3.3 Millionen Franken beschlossen hat, und so ist der Erwerb und die Instandstellung des Pfarrhauses ermöglicht. Es wurde ausdrücklich vermerkt, dass der Kanton keine Beiträge an die zukünftigen Betriebskosten des Gotthelf-Zentrums leisten wird, es müsse selbsttragend betrieben werden.

Das Pfarrhaus in Lützelflüh, wo das dichterische Werk entstanden ist, wird eine sichtbare Gedenkstätte für den grossen bernischen Dichter Gotthelf bleiben.

Dr. Emanuel Pulver