Die Tradition erhalten - Zur Restaurierung des Sargtuches der Gesellschaft zu Zimmerleuten

Die meisten Gesellschaften und Zünfte, so auch die Gesellschaft zu Zimmerleuten, besitzen seit langem ein Sargtuch, welches für Abdankungen in der Kapelle des Burgerspittels am Bahnhofplatz verwendet werden können. Stefanie Göckeritz hat im Auftrag des Vorgesetztenbottes das Sargtuch einer dringend notwendigen Restaurierung unterzogen. Im Folgenden berichtet sie über ihre Tätigkeit.

Eindrücklich ist schon der grosse Schrank, in dem die 14 Sargtücher der Berner Zünfte in der Kapelle des Burgerspittels am Bahnhofplatz aufbewahrt werden. Mehr als 3 m Breite und 1,50 m Tiefe haben die riesigen Schubladen, um die grossen Tücher flach lagern zu können.

Allein die Handhabung der Sargtücher ist eine Herausforderung: Denn alle Tücher bestehen aus einem schweren schwarzen Wollstoff und sind neben den Zunftwappen in der Regel noch mit Quasten, Fransenborten und einem Futterstoff versehen. Bei ihrer durchschnittlichen Grösse von etwa 2,95 x 2,20 m ergibt sich ein beträchtliches Gewicht. Aufgrund des grossen Gewichts, Formats, den teils delikaten Posamenten und Verzierungen lassen sich die wertvollen Stücke nur mit zwei Personen schonend bewegen und in den Schubladen verstauen. Viele der historischen Tücher bestehen aus Elementen aus verschiedenen Zeiten. Ältester Bestandteil scheinen dabei oft die Wappen zu sein, welche meist gestickt und teilweise mit einer Jahrzahl versehen sind. Manche dieser Wappen lassen sich so ins 18. Jahrhundert datieren. Bei mehreren Sargtüchern sind die Wappen offenbar auf neuere Wolltücher übertragen worden, sobald das alte Tuch zu schadhaft und zerschlissen war, um es weiter gebrauchen zu können.

Bei konservatorischen und restauratorischen Massnahmen gilt es in erster Linie, Schäden zu verhindern (sog. präventive Konservierung mit Lichtschutz, kontrollierten Umgebungsbedingungen usw.), Kunst- und Kulturgut zu pflegen und zu stabilisieren, um den weiteren Verfall zu verzögern. Um die Objekte in möglichst unversehrtem Zustand für zukünftige Generationen zu erhalten, ist man mit restauratorischen Eingriffen heute grundsätzlich zurückhaltender, als es noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war.

In meiner Arbeit für Museen, kirchliche Institutionen und private Auftraggeber bin ich immer wieder mit verschiedenen Anforderungen an die Konservierung/Restaurierung konfrontiert. In der Regel werden jedoch die Textilien nicht mehr benutzt – ganz im Unterschied zu den Sargtüchern, welche immer wieder bei Abdankungen im Gebrauch sind. Dies stellte bei der Bearbeitung der Sargtücher der Berner Zünfte eine besondere Herausforderung dar. Denn so lange sich die Stücke in Verwendung befinden, sind sie durch die Handhabung gefährdet. Betroffen sind vor allem die fragilen Teile, wie die gestickten Wappen, die Quasten und die Fransenborten, bei denen bevorzugt neue Schäden entstehen können. Bei der Bearbeitung der Tücher musste diese Tatsache stets berücksichtigt werden.

Das Sargtuch der Gesellschaft zu Zimmerleuten besteht aus einem schweren schwarzen Wollstoff mit aufgerauter Oberfläche. Es ist mit vier Wappen versehen, auf denen die Werkzeuge der Holzhandwerke als Reliefstickerei mit Metall- und Seidenfäden dargestellt sind. Wie bei vielen Sargtüchern der Berner Zünfte ist an den Ecken jeweils eine Quaste mit Holzkern angebracht und die Kanten des Tuchs sind mit einer Fransenborte geschmückt.

Diese Fransenborte stellte sich bei der Restaurierung als problematisch heraus. Rings um das Tuch war die Borte über die gesamte Länge von gut 10 m äusserst fragil, schadhaft und verformt. Bei der ersten Begutachtung hatten meine Kollegin Karin von Lerber und ich uns noch das Ziel gesetzt, besagte Borte in aufwändiger Arbeit mit einem Band zu unterlegen und mit mehreren von Hand genähten Linien zu sichern. Dies würde man für gewöhnlich machen, um die originale Substanz zu erhalten. Dieser Arbeitsschritt hätte einen Grossteil des gesamten Aufwandes ausgemacht. Zu Beginn der Restaurierung zeigte sich dann, dass es im speziellen Fall nicht zielführend gewesen wäre, die Nähsicherung auf diese Weise durchzuführen.

Nicht selten muss das erste Restaurierungskonzept nach einer genauere Beurteilung des Zustandes angepasst werden. Dies war hier der Fall: Auch nach der anspruchsvollen Nähsicherung wäre die Borte zu fragil geblieben, um
eine weitere Verwendung des Sargtuches zu überstehen. Durch die Fehlstellen und Verformungen wäre sie zudem eher unansehnlich geblieben. Nach Rücksprache mit Herrn Hans Georg Nussbaum wurde deshalb entschieden,
die Borte abzunehmen und durch eine Neuanfertigung
zu ersetzen.

Eine solche Entscheidung ist heutzutage aufgrund des insgesamt zurückhaltenden Vorgehens bei Konservierungs-/Restaurierungsmassnahmen eher ungewöhnlich. In diesem Fall schien es mir aber die beste Möglichkeit zu sein.

Die neue Fransenborte wurde von der Lenzburger Manufaktur Posamenterie Herma Partner AG angefertigt. Die bestehende, diffizilere Borte wurde vor allem deshalb nicht als Vorlage genommen, weil zu befürchten war, dass die Rekonstruktion sonst schnell neue Verformungen und Schäden zeigen könnte. Als Vorlage diente stattdessen die stabilere Borte des Sargtuches der Gesellschaft zu Pfistern. Die Originalborte wurde für die weitere Aufbewahrung im Schubladenkorpus mit alterungsbeständigem Material sorgfältig verpackt.

Die weiteren am Sargtuch durchgeführten Restaurierungsmassnahmen bestanden aus einer gründlichen Reinigung durch beidseitiges Absaugen mit einem fein regulierbaren Museumssauger, dem Entfernen von einzelnen Wachsflecken am Wolltuch mit Hilfe eines Heizspatels und der Nähsicherung von Schadstellen an den Wappen, am Wolltuch, den Quasten und am Futterstoff mit unterschiedlichen alterungsbeständigen Materialien.

Trotz der an mehreren Sargtüchern vorgenommenen Restaurierungsmassnahmen bleiben die kostbaren Objekte heikel. Solange sie in Verwendung sind, ist immer wieder mit dem Entstehen von Schäden zu rechnen. Deshalb wurden Hinweise zur Handhabung der Tücher am Aufbewahrungsschrank hinterlegt.

An vielen Tüchern waren zudem Risse in Futter- und Oberstoff zu sehen, die auf ein Zerschleissen an Metallscharnieren und Kanten des Sarges zurückzuführen sind. Aus diesem Grund wurde zusätzlich ein Stück schwarzer Moltonstoff bereitgestellt, mit dem der Sarg abgedeckt werden kann, bevor das historische Sargtuch daraufgelegt wird.

Stefanie Göckeritz,
Atelier für Textilkonservierung und -restaurierung, Köniz
info@atelier-textilrestaurierung.ch