Gedanken zu 8 Jahren im Vorgesetztenbott und zum 40. Zunftbrief

"Der schlimmste Feind ist der Erfolg der Vergangenheit"

Überlegungen zu 8 Jahren im Vorgesetztenbott und zu unserer Gesellschaft.
Jubiläen, egal wie besonders oder zufällig sie sein mögen, haben eine Gemeinsamkeit. Sie streben einen Moment des Innehaltens an, respektive es wäre wünschenswert, sie regten dazu an. Manchmal werde ich den Eindruck nicht los, das Innehalten und Nachdenken, Momente der Musse und der Besinnung, das brauche «man» heute nicht mehr. Oder «man» meint das zumindest .... Und wie einfach ist es doch, dafür Zeitmangel veranwortlich zu machen. Schliesslich ist Zeitmangel heute nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern mitunter sogar gleichsam gefordert. Wir reorganisieren und verändern, bevor die letzte Reorganisation oder Veränderung überhaupt abgeschlossen ist, geschweige denn deren Auswirkungen und Konsequenzen überhaupt vollständig und angemessen sorgfältig erfasst wurden. Vom Verstehen reden wir gar nicht erst. «Das sei heute eben so», lautet die ebenso einfache wie wohl auch hilflose Begründung.

Macht denn solches Tun Sinn, und «muss man» denn stets so durchs Leben gehen? Seien wir ganz ehrlich zu uns, und schauen wir einmal schonungslos in den Spiegel: wieviel dieser Schnelllebigkeit ist denn wirklich ein «Muss», und wie viel brocken wir uns selber ein? «Wer schnell ankommen will, muss langsam gehen» lautet eine alte Weisheit. Ich weiss nicht mehr, woher ich sie habe. Ist aber eigentlich unerheblich; auch ohne wissenschaftlich exakte Zitierung birgt sie Bemerkenswertes und sollte zum Nachdenken anregen. Natürlich ist es nicht abzustreiten, dass sich in den letzten etwa 200 Jahren die technologische Entwicklung immer schneller beschleunigt hat. Es ist nicht zu vermeiden, sich aktiv damit auseinander zu setzen, und neue Technologien und Erkenntnisse, wo sinnvoll, zu nutzen. Und natürlich haben wir nicht immer die Wahl, ob wir etwas Neues annehmen wollen oder nicht. Marktmechanismen, Vorgaben des Arbeitgebers oder gesellschaftliche Megatrends können nicht immer individuell ausgehebelt werden.

Aber: Verändert sich denn wirklich alles derart rasch, und haben wir selber denn überhaupt keinen Einfluss darauf, wie sich unser Leben gestaltet respektive verändert? Ich meine klar Nein! Etwas Zentrales ist nämlich seit Jahrtausenden praktisch gleich geblieben: der Mensch. Wie komme ich zu dieser These? Nun, in meiner beruflichen Ausbildung als Forstingenieur befasste ich mich intensiv mit Lebewesen aller Art, mit Evolution, mit der Dynamik von Individuen, Populationen und Lebensgemeinschaften. Dabei beeindruckte mich eine Erkenntnis aus der Genetikforschung ausserordentlich. In der Natur werden täglich zufällige Genveränderungen produziert, und zwar bei jeder Lebensform auf diesem Planeten. Aus vielen Untersuchungen weiss man, dass sich die weitaus grösste Zahl dieser natürlichen Mutationen nicht durchsetzt – weil sie keine überlebensvorteile bringen, weder für das Individuum noch für die Gesamtpopulation einer Art. Man schätzt, dass es etwa 50-60 Generationen in einer Population braucht, bis sich eine natürliche Genveränderung nachhaltig etabliert. Beim Menschen wäre das etwa der Zeitraum ab 500 nach Christi Geburt bis heute. Was heisst das nun? Ganz einfach: Der Mensch hat sich in seiner Grundkonstitution in den letzten ’zig 100 Jahren in keiner Weise verändert. Verändert haben sich allenfalls gesellschaftliche Formen, Erziehungsmethoden, der «Zeitgeist » und dergleichen mehr. Aber prinzipiell ist der sogenannt «moderne» Mensch immer noch der Mensch aus der Epoche von Christi Geburt, der über den Einsatz der heutigen modernen Errungenschaften entscheidet. Wobei wir auch hier grossteils ein «Opfer» unserer Gene und Triebe sind. Ein Gelehrter umschrieb das so: «Wir können tun, was wir wollen. Aber wir können nicht wollen, was wir wollen.»

Was heisst das? WIR sind es, die es trotz aller «programmierter » Einschränkungen dennoch in der Hand haben, wie beschleunigt oder «entschleunigt» unser Leben verläuft. WIR gestalten Veränderungs- und Umgestaltungsprozesse – ganz allein, als Mitbeteiligte, Betroffene oder Verantwortliche. Und selbst als «nur Betroffene» können wir nicht immer einfach nur die Ausrede bringen, «man» könne ja gar nichts ändern. Seien wir ehrlich: müssen wir jede Modeströmung jedwelcher Art einfach immer so mitmachen? Zumindest gibt es keine gesetzliche Grundlage, die das vorschreibt… Müssen wir 7x24 Stunden für jede Nebensächlichkeit erreichbar sein und dauernd subito reagieren? Oder meinen wir das bloss… oder setzen wir uns selber dem Zwang aus, das zu müssen? Müssen wir uns dauernd unsere Agenda mit Freizeitaktivitäten überfüllen? Eigentlich verlangt das ja gar niemand – glaube ich. Und tragen wir nicht auch selber zur Rüstungsspirale der Hektik, des Kommunikations- und Vernetztheitswahns und der Geschwindigkeit bei? Ich meine sehr wohl! Wir regen uns im Geschäft über eilige Kunden mit Aufträgen auf, die gestern hätten erledigt sein müssen. Und was tun wir selber am Feierabend? Wir hetzen Handwerker, Detaillisten, das Reisebüro oder unsere Autowerkstätte mit Termindruck, der objektiv gesehen gar nicht nötig ist. Und am Schluss liegt das Buch oder das Kleidungsstück, das «sofort» mit Highspeed geliefert werden musste, wochenlang unberührt zu Hause rum. «Wir wissen zwar nicht, wohin wir wollen, aber Hauptsache, wir sind schnell da», pflegte ein Wiener Bekannter mit jeweils nachdenklich-schelmischer Miene zu sagen. Er war nicht der Verfechter des kompromisslos schnellen Ankommens – aber er wusste immer sehr klar, wohin er wollte. Und er kam am Schluss, gesamthaft betrachtet, immer schnell an… und mit bemerkenswert tiefem Ressourcenverschleiss und somit auf sinnvolle Art effizient.

Welche Brücken lassen sich zu unserer Gesellschaft schlagen? Was war, was ist unsere Gesellschaft, und welche Werte kann sie uns bringen, wenn wir es zulassen? Unsere Gesellschaft ist eigentlich ein merkwürdiges Gebilde, wenn wir uns einmal ihre Wurzeln in Erinnerung rufen. Handwerkerzünfte wurden aus einer Mischung von Bedürfnissen heraus erschaffen und weiter entwickelt. Es standen klassische Berufsstandsinteressen dahinter, die man gebündelt vertreten wollte, ähnlich den heutigen Unternehmerverbänden. Daneben hatten Zünfte immer auch quasi eine Art gewerkschaftliche Aspekte, wenn man sich den Schutz des einzelnen Handwerkers vor Dumpingpreisen, Ausbeutung und gesundheitsgefährdenden Arbeitsweisen vor Augen hält. Zünfte wehrten sich mitunter auch gegen das generelle oder zumindest gegen das übereilte Eindringen neuer Technologien, wenn wir an die Webstuhlverbrennungen im Mittelalter denken, mit denen man die Gefährdung der etablierten Handarbeit zu verhindern trachtete. Ganz zentral war stets der Aspekt der sozialen Institution, die gleichsam einer Mischung aus Versicherung, Krankenkasse und Fürsorgeeinrichtung das Leiden von in Not geratenen Zunftangehörigen lindern wollte. Und nach meinem Verständnis waren und sind Zünfte noch etwas, auch wenn das so kaum in den Statuten und Reglementen niedergeschrieben steht. Zünfte sind direkt oder indirekt Stätten des Nachdenkens, der Reflexion, sowie der kritischen, ausführlichen, geistig intellektuellen Bearbeitung von Problemen, Herausforderungen, Trends, neuer Entwicklungen und neuer Bedürfnisse. Sie sind Einrichtungen, in denen man sich in den Gremien oder an den Versammlungen Zeit nimmt, gemeinsam innezuhalten, nachzudenken, und in mehr oder weniger langen Prozessen Gedanken zu entwickeln, und Massnahmen und Lösungen zu erringen. Massnahmen und Lösungen, die vielleicht, sofern es die Umstände zulassen, nicht immer sofort parat stehen, aber dafür vielleicht umso durchdachter sind, auf breitem Kosens beruhen, Mehrheiten nachhaltig hinter sich wissen, und darum draussen in der Umsetzung eben auch bestehen. Natürlich gibt es manchmal die sprichwörtlichen Feuerwehrübungen, die nicht viel zeitlichen Spielraum zulassen, und die rasches Handeln nach mehr oder wenig intensiv eingeübten Prozessen und Referenzfällen erfordern. Aber wenn immer möglich strebt man nach gereiften Entscheidungen und reserviert sich die dafür nötige Zeit.

Ich hatte die Chance, 8 Jahre als Beisitzer im Vorgesetztenbott zu sein. Chance darum, weil ich etwas erleben durfte, was heute keineswegs mehr selbstverständlich ist: ein Gremium, das beseelt durch einen besonderen Geist in umsichtiger, differenzierter Art Probleme analysiert, nach Lösungen ringt, auch quere kontroverse Meinungen zulässt, und schlussendlich meist zu wohlabgewogenen Entschlüssen kommt. Man nimmt sich die Zeit, die nötig ist, und trachtet gleichwohl nach Effizienz. Ich fragte mich manchmal, woher dieser besondere Geist kommt, der vermutlich schon viele Obmänner und Vorgesetzte überlebt hat. Vielleicht ist es die jahrhundertealte Evolution unserer Zunft, die es immer wieder geschafft hat, Moderne und Tradition unter einen Hut zu bringen, immer danach trachtend, das Beste für das menschliche Wohl der Angehörigen zu erreichen. Beeindruckt hat mich die Sitzungskultur, die mitunter harte Meinungsbildungsprozesse nicht nur zuliess, sondern sogar forcierte. Irgendwie spürte ich hier auch ein Abbild unserer jahrhundertealten Basisdemokratie, die sich allen Unkenrufen zum Trotz auch in der sogenannt schnelllebigen Zeit immer wieder als beste und vor allem nachhaltigste Staatsform zu bewähren scheint.

Ein weiteres Erfolgsrezept des Vorgesetztenbottes erscheint mir die Diversität seiner Zusammensetzung, die seit jeher bewusst gepflegt wird. Diese Vielfalt, die Menschen aller Prägungen und Herkünfte – gerade auch solche mit Ecken und Kanten – zulässt, scheint mir ein strategischer Erfolgsfaktor für die Weiterentwicklung unserer Zunft und der ursprünglichen Grundideen zu sein. Offenbar sind nach Erkenntnissen aus der Sozialforschung und der Betriebswirtschaft Gremien mit maximaler Diversität dann ideal, wenn Meinungsbildungs- und Entwicklungsarbeit zu leisten ist. Zwar erfordern solche vermeintlich «unharmonischen » Gremien mehr Zeit, bis Problemanalyse und Auslegeordnung erstellt, Varianten entwickelt und verworfen, und schlussendlich Mehrheits- und tragfähige Beschlüsse gefasst und umgesetzt sind. Aber dafür zeichnen sich – nach Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Untersuchungen – derartige Beschlüsse und Lösungen durch deutlich fundiertere und ganzheitlichere Ansätze aus, und sind darum überlebens- und zukunftsfähiger. Fazit: Traditionen erweisen sich als nachhaltig und modern. «Tradition» heisst ja gemäss den lateinischen Wortwurzeln so viel wie «übergabe » von der älteren zur jüngeren Generation. Und Traditionen haben häufig dann überlebt, wenn sie sich bewährt haben. So wünsche ich mir, die bewährten Eigenschaften und Grundsätze werden noch lange an die nächsten Generationen übergeben.

«Der schlimmste Feind ist der Erfolg der Vergangenheit»: diese Weisheit hörte ich unlängst in einer Vorlesung über Szenarienentwicklung bei Unternehmen. Offenbar ist eine häufige Ursache für das Scheitern und Degenerieren einer Unternehmung oder Organisation das Ausruhen auf Lorbeeren von gestern. Umso bemerkenswerter erscheint mir unter diesem Aspekt das über 550-jährige Bestehen unserer Zunft. Warum sind wir eigentlich nicht untergegangen, obwohl die Zunftgeschichte durch den roten Faden des erfolgreichen Wirkens geprägt ist? Haben wir die Erfolge gar nie bemerkt, und ruhten darum nie auf den Lorbeeren aus? Ich weiss es nicht. Vielleicht haben es sich die Zunftverantwortlichen aber auch einfach nie zu leicht gemacht. Man hat sich immer wieder kritisch hinterfragt, ob man das Richtige tut, und ob man das Richtige richtig tut – die klassische Reihenfolge beim strategischen Handeln. Und man hat sich vielleicht immer wieder selber ins kalte Wasser geworfen, hat es sich bewusst nie allzu bequem gemacht, und hat sich immer wieder zu schonungslosen selbstkritischen Reflexionen zurück gezogen. Eigentlich grandios, dass diese Tugend offenbar über 550 Jahre überlebt hat.

Rückblick auf 40 Ausgaben des Zunftbriefs
Als ich 2008 das Redaktoramt übernehmen durfte, übergab mir der vormalige Redaktor Hans Georg Nussbaum einen Ordner mit den gesammelten Ausgaben seit der Nummer 1. Zunächst stellte ich den Ordner ins Regal; schliesslich hatte die Erstellung der Nummer 39 Priorität vor dem Schwelgen in der Vergangenheit. Doch als ich das erste Konzept für die vorliegende Nummer 40 zu Papier brachte, dünkte mich die halbwegs runde Zahl 40 irgendwie jubiläumsverdächtig. Natürlich begeht man eher einen 50-sten als einen 40-sten Geburtstag. Andererseits wäre die Zahl 50 erst 2020 fällig. Es schadet ja vielleicht nicht, bereits vorher mal innezuhalten und zu reflektieren. Was hat sich von der Ausgabe 1 zur 40-sten getan? Das Thema lässt sich vielseitig beleuchten. Jeder Mensch kann sich seine höchst individuelle Betrachtungsperspektive wählen. Schon rein technisch hat sich unglaublich viel getan: die erste Ausgabe entstand noch in klassischer «Stanztechnik» in der mechanischen Schreibmaschine. Heute ermöglichen modernste elektronische Verfahren im Prinzip die völlige Papierlosigkeit, und der fertige Zunftbrief lässt sich innert Sekundenbruchteilen über die ganze Welt verteilen. Eigentlich ist es fast ein Wunder, wird noch eine gedruckte Papierversion per Post verschickt. Doch hoffe ich, das möge so lang so bleiben. Hat ein sauber gedruckter, nach frischem Papier und Druckfarbe riechender Zunftbrief nicht seine ganz besondere eigene ästhetik? Ist es nicht faszinierend, wie hier ein Traditionsprodukt mit modernsten Werkzeugen entsteht? Printprodukte sind doch ein schöner Beweis, wie perfekt sich Moderne und Tradition paaren lassen.

Bei der Sichtung des «Redaktorordners» erschien es mir logisch, dort zu starten, wo mutmasslich alles begann. Schliesslich hinterlassen über 500 Jahre nachweislich «brunnerisch- zünftiges», und folglich bernisch-helvetisches Erbgut doch die eine oder andere Spur vom Streben nach vollendeter Genauigkeit… Doch wo ist sie, die Nummer 1? Zumindest nicht dort, wo man sie erwarten würde. Nämlich ganz zuunterst im dicken Stapel Papier, der den bejahrten und etwas streng riechenden Bundesordner prall gefüllt hat. Also blättere ich von vorne her retour: 39, 38, 37, … 3, 2, und … wo ist die Nummer 1? Nach der Ausgabe 2 von 1972 finde ich eine 2-seitige «kleine Zunftrundschau 1970» vom 25. März 1971. Also dürfte das so eine Art Zunftbrief des Jahres 1971 sein. Doch was soll denn das? Unvermutet taucht ein weiteres, letztes Dokument auf: sozusagen am Grunde der Zunftbriefsammlung schlummert eine 6-seitige Schrift vom 5. April 1970. Letztere erweckt im Gegensatz zum 1971-er Blatt eher den Eindruck eines richtigen ausgewachsenen Zunftbriefs heutiger Usanz, wenn gleich dieser Titel erst ab der Nummer 2 aus dem Jahr 1972 erscheint. Der Erstling wird noch nüchtern und schnörkellos als «Orientierungsschrift » tituliert. Wenn nun aber diese geheftete, mit allen Zunftbriefattributen ausgestattete Kopie von 1970 die legendäre Nummer 1 ist: was ist denn der Zweiseiter von 1971? Die Nummer 1a? Oder die Ausgabe 1.5? Oder eine informelle Zwischenpublikation? Tja: Ist demzufolge die vorliegende Ausgabe 40 im Grunde genommen die Ausgabe 41, oder zumindest 40.5…? Habe ich gar eine Ungereimtheit von unerhörter, ja biblischer Tragweite ausgegraben, deren Folgen ich noch gar nicht richtig ermessen kann? Habe ich just eines der letzten grossen Rätsel der heutigen Zeit zu Tage gefördert? Oder werde ich gerade ein Opfer der sprichwörtlichen helvetischen Tugend, die nach Perfektion und systematischer Genauigkeit strebt? Laufe ich Gefahr, ob dieses ungelösten Problems allmählich durch zu drehen und den Verstand zu verlieren – unfähig, weitere Zunftbriefe zu produzieren? Oder gibt es irgendwo eine richtige Nummer 1, die im Ordner einfach fehlt? Fragen über Fragen…

Aber eigentlich spielt das doch gar keine Rolle. Möglicherweise wird jemand aus der geschätzten Leserschaft das Rätsel lösen. Vielleicht hat man irgend einmal der Nummer 2 eben Nummer 2 gesagt, und die beiden Vorläufer schlicht summarisch als 1 Nummer umschrieben – weil man den einen der beiden Urzunftbriefe nicht als kompletten Zunftbrief umschreiben mochte. Das tönt immerhin leidlich vernünftig. Wobei: nachfolgende Zunftbriefausgaben waren zunächst auch noch nicht umfassende Berichterstattungen über das Zunftleben im heutigen Sinn. Somit muss ich hier eine Ungereimtheit in der Systemlogik konstatieren…

Item. Eigentlich ist das doch, wie angetönt, kaum tragisch. Kommt es nicht vielmehr auf den Inhalt und die darin beschriebenen Geschehnisse und Taten drauf an? Bevor ich mir also innerhalb der Resthaarpracht (noch mehr) graue Haare wachsen lasse, begebe ich mich in medias res. Und die ist bemerkenswert genug.

Im Urzunftbrief von 1970 ist unterstrichen zu lesen, man habe am 6. Dezember 1969 das volle Frauenstimmrecht auf 1. Januar 1970 eingeführt. Dieser Akt wurde als dermassen bedeutungsvoll bezeichnet, dass zur angemessenen Kommunikation der erste Zunftbrief überhaupt verfasst und verschickt wurde. Deshalb wurde für das erste gleichberechtigte Grosse Bott vom 2. Mai 1970 eine «rege Beteiligung der Frauen erwartet». Die «halbe» Ausgabe 1971 vermeldet entsprechend einen «prall gefüllten Zunftsaal» und 50-60 teilnehmende Frauen. Die erste nummerierte Ausgabe 2 macht sich – nun in professionell gedruckter Form – unter anderem Gedanken über denkmalschützerische Anliegen in der Stadt Bern. Man macht sich Gedanken, ob beim laufenden Bau der Autobahn durch den Bremgartenwald alles getan worden sei, um dieses Erholungsgebiet «unverdorben zu erhalten». Daneben findet sich ein überblick über den Werdegang von Sozialeinrichtungen und der Zunft. Die Ausgabe 4 von 1973 macht sich grosse Sorgen über Inflation, nämlich eine Geldentwertung von knapp 10%, und wie man sich sichere Vermögenswerte für die Zukunft verschaffen will. Kennen wir diese Diskussion nicht in ähnlicher Form von irgendwoher…? 1976 folgt, nach einem Bericht über die Münsterbauhütte in der Ausgabe 5, wieder eine Gesamtschau über Tradition und Moderne in der Stadt Bern. Auslöser sind unter anderem Grossbauwerke wie der neue Berner Bahnhof. Man hält fest, dass die «Wachstumseuphorie unserer Generation zwar Stress und Hetze, aber auch ... nie dagewesenen Wohlstand» brachte. Und man habe sich daran gewöhnt, dass die Rendite alle anderen Erwägungen in den Schatten stelle. Sic! «Alles schon mal dagewesen», wagt der Schreibende anfangs 2010 zu sagen. In den folgenden Ausgaben kümmert sich der Zunftbrief, nun auf A3 gedruckt und zu einem 4-seitigen Blatt A4 gefaltet, um aktuelle Darstellungen des Zunftgeschehens, angereichert mit geschichtlichen Berichten zu Themen rund um die Gesellschaft und die Region Bern. Fast kurios mutet ein sozusagen politisches Problem aus den Jahren 1978-79 an. Um beim jurassischen Museum in Delsberg die Herausgabe des verliehenen Turmofens aus der alten Zunftstube durchzusetzen, wurde sogar offiziell die jurassische Regierung angerufen – mit Erfolg. Die Ausgabe 12/1982 beschreibt erstmals Zunftangehörige im Ausland, beginnend mit Professor Dr. Adolpho Lutz aus Rio de Janeiro. In der Nummer 14 können wir vom olympischen Talent der Zünfter lesen: Herr Willi Schaerer (mit «ae»), Vizeobmann von 1942-1961, errang 1924 an den Olympischen Sommerspielen in Paris die Silbermedaille im 1’500m-Lauf! Die Ausgabe 1985 schildert das Leben der Zünfter Gustav Adolf Hasler und Gustav Hasler (Sohn des Gustav Adolf), Begründer des für seine Telekommunikationsprodukte und Tachographen weltberühmten Hasler-Konzerns. In den folgenden Ausgaben werden, nachdem das Küferhandwerk bereits früher einmal kurz beschrieben wurde, die Zunftberufe Zimmermann, Wagner, Schreiner und Küfer eingehend dargestellt, um so an die Wurzeln unserer Gesellschaft zu erinnern. Die Ausgabe 24 mausert sich um 50% Umfangserweiterung auf nunmehr 6 Seiten, die mit der Nummer 25 auf 8 Seiten gesteigert wurden. Grund war ein umfangreicher Aufsatz über das Drechslergewerbe. Die Nummer 26 beinhaltet als bisher unwiederholtes Novum zwei ausgewachsene Werbeinserate – beruhigenderweise auf Mieter in der soeben neuerworbenen Liegenschaft Kramgasse 83 limitiert. 1998 wird der zunftbriefige Expansionskurs vehement fortgesetzt. Auf 12 Seiten wird unter anderem der frischgebackene neue höchste Bernburger, unser geschätzter Dr. Kurt Hauri, eingehend porträtiert. Die Ausgabe 29 wies wiederum 12 Seiten auf, wurde jedoch durch einen kleinen Trick in Form «inneren Wachstums» dennoch umfangreicher: nämlich durch eine Schriftgrösse, die fast als «Kleingedrucktes» zu bezeichnen war ... Offenbar war solches Tun den kritischen Zunftgenossen höchst suspekt, denn die Ausgabe 30 verwendete wieder die grössere, deutlich lesbarere Schrift. Mit dem Porträt des Dachdeckerberufs wurde uns erneut ein durchaus hölziger Beruf näher gebracht. Die Ausgaben 31 und 32 wuchsen auf stolze 16 Seiten heran, wobei die Umfangsteigerung mit Beiträgen von konstant hoher Qualität erreicht wurde, so unter anderem mit einem Fachbeitrag über die weltberühmten Holzbrückenbauer Gebrüder Grubenmann. Die runde Ausgabe 33 erreichte erstmals die 20-Seiten-Grenze, wozu einerseits mehrere Fachbeiträge, aber auch ein interessanter Aufruf beitrugen: gesucht wurden die unbekannten Wohnsitze von mehreren Dutzend Zunftangehörigen im Ausland, deren Spuren sich im Lauf der Geschichte offenbar verwischt haben. Der 20-Seiten-Umfang wurde dann in den Folgejahren zum Standard, weshalb die «nur» 16-seitige Ausgabe 39 geradezu mager erscheinen musste. Vielleicht war die Sparausgabe 2009 aber auch bloss der Versuch, die nun vorliegende «dicke» Ausgabe 40 aufwandmässig zu kompensieren, um die Sorgenfalten des kostenbewussten Seckelmeisters nicht allzu tief werden zu lassen…

Wie auch immer: der Schreibende freut sich, wenn er Ihnen, liebe Zunftangehörige, noch weitere Zunftbriefausgaben zusammenstellen darf. Die Messlatte wurde durch die vorangehenden Redaktoren hoch gelegt; ich hoffe, das Niveau zumindest halten zu können. Und ich bin überzeugt, dass auch dereinst die nächsten Redaktionsgenerationen bemüht sein werden, (mindestens) 1x jährlich interessante Informationen zu liefern. Der Zunftbrief ist still und leise zu einer bewährten Tradition geworden, die nicht aus falsch verstandener Bewahrung als Selbstzweck überdauert hat, sondern wegen der Erfüllung eines echten Bedürfnisses. Setzen wir also diese Tradition, die ihr Dasein aus Bewährung und Sinngebung ableitet, für unsere Nachkommen fort.

Markus Brunner, Zunftbriefredaktor und Alt-Vorgesetzter