Karl der Kühne – eine Ausstellung im Historischen Museum

Vom 25. April – 24. August 2008 fand im Historischen Museum Bern eine Sonderausstellung über Karl den Kühnen statt, die weit über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen erregte, versammelte sie doch Kunstwerke und weitere Kostbarkeiten aus ganz Europa – und darüber hinaus – zu einer eindrücklichen Schau über eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des ausgehenden Mittelalters.

Das Ausstellungssujet der Sonderausstellung «Karl der Kühne» vom 25.4.– 24.8.2008 im Historischen Museum Bern.

Karl der Kühne (1433 – 1477)

Er war der letzte der vier Burgunderherzöge aus dem Haus Valois. Ein breiter Landstreifen von den Niederlanden über Burgund bis an die Grenze zur Eidgenossenschaft war sein Eigen oder Einfl ussgebiet, das er zu einem Königreich erheben und damit als altes Mittelreich wieder aufl eben lassen wollte. Seine Machtmittel waren die modernste Armee im späten Mittelalter und eine Tochter, die als Alleinerbin ihrem künftigen Gatten nicht nur einen immensen Landgewinn, sondern auch das grösste Vermögen dieser Zeit einbringen sollte.

Bildnis Karls des Kühnen, burgundische Niederlande, um 1500, öl auf Holz; Höhe 42 cm, Breite 30 cm. Das Porträt zeigt den jungen Herzog im kostbaren Samtgewand, mit leicht gelockter Frisur nach italienischer Mode. Als einziges Herrschaftszeichen trägt er die Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, dessen Souverän er war. Bildnachweis: Lille, Musée de l’Hospice Comtesse.

Burgunderkrieg

Letzten Endes scheiterte Karl aber an seinem Ehrgeiz, seiner Sturheit und seiner überheblichkeit. Bei der Disziplinierung der aufständischen Städte in Flandern hatte er eine grenzenlose Grausamkeit an dem Tag gelegt. Als kompromissloser Monarchist war er ein brutaler Feind der Städte und aller demokratischen Entwicklungen und unfähig, die Exzesse seines Ehrgeizes zu zügeln. Die Eidgenossen, die ihm aus Angst um ihre eigene Existenz den Krieg angetragen hatten, meinte er mit einem kurzen Kriegszug in die Knie zwingen zu können. Dabei rechnete er aber nicht mit dem erbitterten Widerstand, den er sich nach der gnadenlosen Niedermetzelung der Besatzung von Grandson eingehandelt hatte. Seine Niederlage bei Grandson war dabei lediglich das Resultat einer Kommunikationspanne, aber in Murten – am 22. Juni 1476 – erlitt der Burgunder nach einer fatalen Fehleinschätzung der Lage ein immenses Debakel. Die beiden Schlachten hatten nicht nur seine Armee vernichtet; auch eine der grössten Kriegsbeuten der Weltgeschichte fi el in die Hände der Eidgenossen. Mit Karls Tod in der Schlacht bei Nancy am 5. Januar 1477 erlosch das Haus Burgund.

Tausendblumenteppich, Brüssel, um 1466. Der Tausendblumenteppich, die älteste und prunkvollste aller Millefleurs-Tapisserien, war Teil der legendären Burgunderbeute. Ausschnitt mit dem Burgundischen Vollwappen und der Kette des Ordens vom Goldenen Vlies. Bildnachweis: Historisches Museum Bern.

Rossharnisch Friedrich III., 1477. Kaiser Friedrich III. liess diesen Rossharnisch anlässlich des Krieges zwischen Burgund, der Eidgenossenschaft und Lothringen fertigen. Bildnachweis: Wien, Kunsthistorisches Museum, Hofjagd- und Rüstkammer.

Burgund und Habsburg

Nach dem Tod von Karl dem Kühnen heiratete seine Tochter Maria von Burgund den späteren Kaiser Maximilian. Damit fi el der burgundische Reichtum an Habsburg und begründete den Aufstieg des Hauses zur Weltmacht. Zwei Generationen später besass Marias Enkel Karl V. mit Spanien und den überseeischen Eroberungen ein Reich, «in dem die Sonne nie unterging».

Burgundische Hofkultur

Tragendes Element der Sonderausstellung war die Burgundische Hofkultur. Diese zählt zu den Höhepunkten der europäischen Kulturgeschichte. Die Malerei ist von Künstlern wie Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und Hans Memling revolutioniert worden. Aber auch die Buchmalerei, die Goldschmiedekunst, die Tapisserie und Seidenstickerei erreichten eine unübertroffene Qualität. Die eigenen Museumsbestände, insbesondere die weltbekannten Tapisserien, wurden durch hochkarätige Leihgaben aus den besten Sammlungen von ganz Europa ergänzt. Dieser Bestand, der wertvollste, den es je im Historischen Museum Bern zu sehen gab, erlaubte es, eine der besten Ausstellungen in neuerer Zeit zu realisieren. Eine Ausstellung in diesem ambitiösen Rahmen konnte natürlich auch mit bemerkenswerten Zahlen aufwarten. Rund 4 Millionen Franken musste das Museum dafür aufwenden, und rund 107 000 Besucher wusste es damit anzuziehen.

Ergänzend zur Ausstellung wurde vom 24. Mai bis 24. August rund um’s Museum ein Mittelalter-Park für Familien und Schulen angeboten, wo man sich über Bauwesen, Kleider und Alltag im Mittelalter informieren konnte. Der Höhepunkt der Begleitveranstaltungen war aber zweifellos das grosse Mittelalter-Spektakel vom 30. Juli – 10. August, bei dem auf dem Helvetiaplatz ein Ritterturnier stattfand.

Die Ausstellung ist derzeit im Groeningemuseum in Brügge zu sehen (bis 21. Juni 2009), und ab September 2009 im Kunsthistorischen Museum Wien.

Quirinus Reichen, Historiker, Historisches Museum Bern