Renaissance eines historischen Berner Verkehrsmittels: 2008 fährt wieder ein Tramwagen des alten «Bärengraben»-Trams!

Engagement für das ehemalige «Haustram» der Gesellschaft zu Zimmerleuten

Im Jahr 2005 hat das Vorgesetztenbott unserer Gesellschaft beschlossen, zusammen mit der Burgergemeinde und weiteren Stadtberner Zünften eine etwas andere Kulturform zu unterstützen. Was führte zu diesem Entscheid? Die ehemalige Tramlinie Friedhof-Bahnhof-Bärengraben verband einst mehrere unserer heutigen Liegenschaften; wir hatten – keck ausgedrückt – eine eigene Tramlinie. Im Rahmen der Kramgassensanierung hätte man fast wieder Tramschienen verlegt, doch scheiterte dieses Projekt massgeblich an den veranschlagten Kosten – vielleicht eine verpasste Chance angesichts des grossen touristischen Potentials?! Visionäre Köpfe der Berner Tramway-Gesellschaft heckten jedoch ein zweites Projekt aus, nämlich den möglichst originalgetreuen Nachbau von einem der technisch einzigartigen Triebwagen mit Druckluftantrieb. Pünktlich zum 120. Geburtstag der Gründung der ersten Berner Tramlinie gibt es also 2008 ein «Comeback». Dass dieses Ziel realistisch erscheint, wurde mit der Wiederinbetriebnahme einer alten Berner Dampftramlok und dem Nachbau eines dazu passenden Personenanhängewagens bereits mehr als bewiesen.

Im Jahre 2008 können gleich zwei traditionsreiche Berner Unternehmen auf eine 120-jährige Geschichte zurückblicken: die Lehrwerkstätten Bern und die Berner Tramway- Gesellschaft. Sie werden zum Jubiläum zusammen das weltweit einzigartige Lufttram in schöner Handwerks-kunst nachbauen. Damit wird man beim Berner Tram neben dem Dampfbetrieb und der elektrischen Traktion auch den Druckluftantrieb zeigen können, den man seit der Elektrifi zierung im Jahr 1901 nicht mehr gesehen hat. Mit einem namhaften Beitrag wird das Projekt auch vom Restaurant Altes Tramdepot unterstützt, wo die Lufttrams früher zu ihrer Fahrt starteten.

Die Geschichte

Bei Berns erster Tramlinie kam als Traktionsart nicht etwa wie in vielen anderen Schweizer Städten der leistungsfähige elektrische Strom aus der Oberleitung zum Zuge, sondern komprimierte Luft. Diese wurde in Druckbehältern unter dem Wagenboden der Fahrzeuge gespeichert. Für die Gewinnung dieser Energie war eine ganze Reihe von technischen Hindernissen zu bewältigen, die angesichts ihrer speziellen Ausführung einer ausführlichen Erklärung bedürfen und sowohl eine Pionierleistung als auch eine Rarität darstellten.

Die damaligen Tramfahrzeuge, so genannte «Druckluftautomobile», waren rund 7 m lang, verfügten über 16 Sitz- und zwölf Stehplätze und besassen zwei gekuppelte Achsen, welche von einer kleinen Zweizylinder- Druckluft- bzw. Dampfmaschine angetrieben wurden. Diese Antriebsmaschine entsprach vom Grundprinzip her einer ganz normalen Dampfmaschine, nur mit dem Unterschied, dass eben komprimierte, in der «Bouilotte» (stehender Wärmekessel) zusätzlich wasserdampfgesättigte Druckluft und nicht unter Druck stehender «reiner» Wasserdampf aus einem befeuerten Dampfkessel mechanische Arbeit leistete. Gebaut wurden die Fahrzeuge von der heimischen Industrie, den von Roll’schen Eisenwerken in Bern, nach dem Patent des französischen Ingenieur Louis Mekarski aus Paris. Die Strecke führte vom Bärengraben (Direktion und Depot) durch die Altstadt zum Hauptbahnhof und weiter durch die Laupenstrasse zum Bremgartenfriedhof. Betrieben wurde sie von der eigens gegründeten Berner Tramway- Gesellschaft.

Der Fahrpreis für eine einfache Fahrt betrug für die halbe Strecke 10 und für die ganze Strecke 20 Centimes, was für die damaligen Verhältnisse ein stolzer Preis war. Die Strecke war durchwegs einspurig, wies aber an acht belebten Streckenpunkten Ausweichstellen auf, bei denen auf Wunsch der Passagiere gehalten wurde und der Gegenwagen zur Kreuzung abgewartet werden konnte. Die Wagen benötigten für die ganze Fahrstrecke 20 Minuten, da die Höchstgeschwindigkeit gemütliche 15 Stundenkilometer betrug.
An den beiden Endpunkten der Strecke sowie am Bahnhof wiesen die Stationen so genannte Drehscheiben auf. Mit dieser Vorrichtung konnten der Automobilführer und der Kondukteur die Tramfahrzeuge in die entgegengesetzte Richtung wenden. Die Wagen verfügten nämlich wie die modernen Berner Trams nur an einem Ende über einen Führerstand. Die heute auf dem Tramnetz üblichen Wendeschleifen wurden erst Jahrzehnte später realisiert. Die Drehscheiben dienten der damals heranwachsenden Jugend mitunter auch als Gratis-Karussell, sehr «zum Befremden » der damaligen Betriebsleitung, wie einigen Aktennotizen zu entnehmen ist. Nicht allzu selten seien nach überlieferungen die Tramwagen unterwegs stehen geblieben, weil ihnen sprichwörtlich «die Luft wegblieb». Die so genannte «Kraftstation» an der Aare beim Bärengraben erzeugte die für den Betrieb nötige Druckluft. Diese wurde an einer Füllstation beim Tramdepot in die Druckluftbehälter der Triebwagen gepresst, und diese Füllung musste dann für eine Retourfahrt genügen. Je nach Fahrweise, Temperaturen oder der Dichtigkeit der Dampf-Druckluftmaschine soll es sich ab und an zugetragen haben, dass die Behälter auf der Rückfahrt vorzeitig entleert waren. Da half dann nur noch kräftiges Schieben durch die Passagiere mit entsprechenden «Kommentaren» – glücklicherweise gings gegen den Bärengraben zu aber grösstenteils abwärts ...

Nach den anfänglichen Kinderkrankheiten versahen die «Kompressorschlitten», wie die Druckluftautomobile abschätzig genannt wurden, rund zehn Jahre lang zuverlässig ihren Dienst. Sie wurden dann aber durch eine Volksabstimmung zu Gunsten des elektrischen Trams zu Fall gebracht. Die Arbeiten für die Elektrifizierung der Strecke waren rasch erledigt, so dass die Strecke am 16. November 1901 dem elektrischen Betrieb übergeben werden konnte. Die zehn Lufttrams hatten ausgedient und wurden allesamt verschrottet. Die elektrische Tramlinie Bahnhof – Bärengraben blieb noch bis 1941 in Betrieb, der Streckenast zum Friedhof bis 1965. Als Zeugen der Lufttram-ära blieben immerhin das alte Tramdepot und das Haltstellenhäuschen (stadteinwärts) beim Bärengaben erhalten.

Das Lufttram-Projekt

Im Frühling 2005 hat der Verwaltungsrat der Berner Tramway- Gesellschaft beschlossen, mit dem Bau eines Replika- Lufttrams zu beginnen. Anhand von Originalplänen aus dem Bundesarchiv mussten zuerst die Pläne für den Nachbau gezeichnet werden. Zudem waren Abklärungen für den Bau der Dampf-Druckluftmaschine und der Speicherung der komprimierten Luft im Wagenboden notwendig.

Die Zusage der Lehrwerkstätten Bern, den Bau mit ihren Lehrlingen zu unterstützen, hat dem Projekt zum Durchbruch verholfen. Im Jahre 2006 werden von den Schreinerlehrlingen der Holzkasten mit den Längsbänken und die Plattformen gebaut. Spengler- und Metallbaulehrlinge werden danach die Verkleidung und die Geländer anfertigen.
Bis 2007 erstellen Lehrlinge der Konstruktion den Plansatz, so dass anschliessend die Maschinenbauer die Teile für den Bau der Dampf-Druckluftmaschine herstellen können. Im Jahre 2008 werden die Komponenten zum Lufttram zusammengesetzt. Damit soll das «neue alte» Druckluftautomobil rechtzeitig zum Jubiläum in Betrieb stehen.

Begleitet und unterstützt wird der Bau von einem erfahrenen Carrosserie-Wagenbauer, der bereits mit der Rekonstruktion des historischen Saurer-Autobusses 5 von BERNMOBIL nach einem verheerenden Brandschaden ein neues Berner Schmuckstück geschaffen hat.

Mit seiner einmaligen Geräuschkulisse und der klassischeleganten Ausstrahlung der Belle Epoque wird das Lufttram ein völlig neues Tramerlebnis bieten.
Noch einige Worte zur Funktionsweise des Lufttrams: Die Druckluftbehälter des Replika-Lufttrams werden mit komprimierter Luft (40 Atm) vor der Fahrt von einem mobilen elektrischen Kompressor aus gefüllt. Während der Fahrt wird die Luft durch 165-grädiges Wasser geleitet, welches sich in einen kleinen Dampfkessel befindet. Dadurch erhöhen sich das Volumen der Luft bzw. der Druck und somit der Energieinhalt. Die komprimierte Luft wird dann den Zylindern zugeführt wie bei einer Dampfmaschine.

Die Promotoren

Lehrwerkstätten Bern LWB

Die Lehrwerkstätten der Stadt Bern wurden 1888 als öffentliche Ausbildungswerkstätte durch die Stadt Bern gegründet (zuerst vor allem zur Leder-Verarbeitung, daher der übername «Lädere»).
Am 1. Januar 2001 gingen sie in den Besitz des Kantons Bern über. Heute zählen die Lehrwerkstätten Bern zu den wichtigsten Bildungsunternehmen im Kanton. In fünf gewerblich- industriellen Berufsfeldern absolvieren rund 400 Lernende eine Vollzeit ausbildung, welche sowohl den praktischen, als auch den theoretischen Unterricht umfasst. Die zahlreichen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie die Einführungskurse im Auftrag der Berufsverbände sind Teil des vielseitigen und innovativen Leistungsangebotes.

Berner Tramway-Gesellschaft

Bereits im Jahre 1887 wurde die aus privaten Aktionären bestehende Berner Tramway-Gesellschaft (BTG) ein erstes Mal gegründet. Diese betrieb ab 1890 Berns erste Tramlinie vom Bärengraben via Bahnhof zum Bremgartenfriedhof mit zehn exotisch anmutenden Drucklufttrams.
Da 1900 die Meinung vorherrschte, Strassenbahnbetriebe müssten der öffentlichen Hand gehören, wurde die BTG liquidiert und ihr Rollmaterial und ihre Anlagen gingen an die Stadt Bern über. Der Betrieb wurde in der Folge unter dem Namen Städtische Strassenbahn Bern (SSB), später Städtische Verkehrsbetriebe Bern (SVB) und heute BERNMOBIL (als autonome öffentlichrechtliche Anstalt) weitergeführt.
Die neue Berner Tramway-Gesellschaft wurde am 25. Oktober 2001 von BERNMOBIL, dem Tramverein Bern, einer Vielzahl von Kleinaktionären und von drei privaten Dampftramliebhabern in Form einer Aktiengesellschaft neu gegründet. Die Gesellschaft betreibt seit Herbst 2002 erfolgreich das Dampftram in Bern.

Restaurant Altes Tramdepot

Das Alte Tramdepot wurde 1889/90 als Direktions- und Depotgebäude für das Drucklufttram Bärengraben – Bremgartenfriedhof von der Berner Tramway-Gesellschaft errichtet. Nach der Stilllegung der Tramlinie zum Bärengraben wurde die Anlage während längerer Zeit u.a. als Autogarage und von 1971–1982 als Depot für Bühnenbilder und Requisiten des Stadttheaters genutzt. Das Wohnhaus diente bis vor wenigen Jahren als Dienstwohnung für den Bärenwärter. Im Januar 1998 wurden die Bauarbeiten für die Umnutzung des Gebäudekomplexes begonnen. Im Alten Tramdepot befinden sich heute neben dem Restaurant auch ein Kiosk und ein Tourist Center von Bern Tourismus. Das heutige Restaurant ist ein Gasthausbrauerei: Hier können die Gäste miterleben, wie in der kupfernen Brauerei mitten im Restaurant Tram-Biere aus Hopfen und Malz gebraut und gezapft werden.

Unterstützen Sie eine innovative Idee und ehrenamtliches Engagement

Zur Deckung der Investitionen braucht es das grosszügige Engagement vieler Spenderinnen und Spender. Jeder Beitrag ist willkommen. Spenden können Sie auf das Postcheck- Konto 30-444733-1 «Luft für das Berner Tram».

Weitere Infos und Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie unter www.lufttram.ch, oder Sie können Herrn Harald Orth von der Berner Tramway-Gesellschaft kontaktieren: Telefon 031 321 88 27, E-Mail harald.orth@bernmobil.ch

Harald Orth, Berner Tramway-Gesellschaft
Markus Brunner, Mitglied des Vorgesetztenbotts